Eine Saison im Trikot der Schweizermeisterin
Olaf Schürmann
Mountainbikerin Linda Indergand, die seit einigen Jahren in Buttikon wohnt, geht in ihre nächste Saison im Liv Factory Team. Ihre dreizehnte Saison als Rad-Profi. Genug hat die 31-jährige Indergand noch nicht, aber auch das Aufhören ist eine Option in ihrer Gedankenwelt. Denn erst im Herbst sagte sie: «Ich würde gerne noch ein paar Jährchen fahren. Aber vielleicht sage ich auch nach dem nächsten Jahr, jetzt habe ich es gesehen.» Aber so weit sind wir noch nicht.
Die lange Vorbereitung
Nach der Saison ist vor der Saison. Gefühlt zumindest. Vier Wochen hatte die Urnerin aus der March frei, dann fing die Vorbereitung auf die Saison 2025 schon an. Das war Mitte November. Seitdem folgt ein Trainingslager auf das andere. «Wir haben fast jeden Monat ein Trainingslager mit der Nationalmannschaft. Ich war im November zwei Wochen in Magglingen. Da wurde nochmals speziell geschaut, dass mein Schlüsselbeinbruch gut verheilt ist und ich keine Einschränkungen verspüre », erklärt Indergand. Magglingen erledigt, Schlüsselbein hält, Platte und Schrauben kommen erst Ende der Saison raus. Im Dezember war Indergand zum Techniktraining mit dem Bike in Finale Ligure, Italien. An der italienischen Riviera lässt es sich um diese Zeit besser Velofahren als in der Schweiz. Einen Monat später wurde die Wettergarantie nochmals gesteigert: Gran Canaria. «Knapp zwei Wochen waren wir mit dem Rennvelo auf dieser schönen Kanarischen Insel. Die Temperaturen und das Wetter sind perfekt, um lange Einheiten im Grundlagenbereich zu machen», verdeutlicht Bike-Profi Indergand. In dieser Jahreszeit sei es in der Schweiz einfach zu kalt, um vier Stunden auf dem Velo zu sitzen. Das Team-Trainingslager im Februar habe nicht stattgefunden, daher sei sie in dem Monat komplett in Buttikon gewesen. «Im Winter gehe ich viel Langlaufen und mache Skitouren. Ausserdem natürlich reichlich Krafttraining und Training mit dem Velo auf der Rolle», ergänzt Outdoor-Fan Indergand. In diesem Winter sei sie viel in Einsiedeln, Studen und Rothenthurm gewesen. Zwei Stunden wäre sie dann in der Natur unterwegs. Drei bis vier Stunden sei sie pro Tag im Training.
Die Hiobsbotschaft Ende Februar
Mit dem Training und der Vorbereitung sei sie rundum zufrieden gewesen, doch dann kam eine Nachricht, die diese Themen vergessen liess. «Bei meinem Freund ist Ende Februar Leukämie diagnostiziert worden. Das hat meine Welt auf den Kopf gestellt, da rücken die Vorbereitung und der Saisonstart komplett in den Hintergrund», sagt Linda Indergand etwas leiser. Ihrem Freund ginge es gut und er sei mittlerweile wieder daheim. «Er hat mich sofort ermutigt, weiter zu trainieren und auch an den Leistungstest Anfang März zu gehen.» Der Leistungstest sei überraschend gut gewesen, aber für Indergand stellt sich die Frage: Was macht der Kopf? Kann sie sich auf ein Rennen konzentrieren? Das erste Rennen Ende März in Rivera ist überraschend gut gelaufen, Platz 11. Im Moment gehe es ihrem Freund wirklich gut, daher sei sie auch im Tessin an den Start gegangen. «Unser Vorteil ist, dass Leukämie schon recht gut erforscht ist. Das gibt Hoffnung und mir viel Kraft.»
Die weite Reise zum Saisonauftakt
Ende März ging es für zwei Wochen nach Araxa, Brasilien. Das war letztes Jahr auch so. Und sehr erfolgreich. Beim zweiten Short Track-Rennen in Südamerika fuhr Indergand direkt aufs Podium: Platz 2. «Letztes Jahr waren die Rennen in Mariposa und in Araxa, da haben wir beim Transfer noch etwas von Brasilien sehen können », so Indergand. Dieses Jahr seien beide Weltcups in Araxa. Nach Brasilien folgen die Rennen in Affoltern und in Engelberg. Ist das nicht eine riesige Umstellung? «Grösser ist immer die Umstellung auf Brasilien. Dafür habe ich ein Hitzetraining simuliert.» Hitzetraining heisst, eingepackt auf die Rolle gehen, damit man so richtig ins Schwitzen kommt. Doch auch der Start in Araxa sei kein Problem, denn sie sind eine Woche vor dem Weltcup-Rennen in Brasilien und hätten ausreichend Zeit, sich auf die klimatischen Verhältnisse einzustellen. Zurück in der Schweiz müsse man sich entsprechend dicker einpacken, doch dies sei «alles reine Gewohnheit».
Der prall gefüllte Saisonplan
Exakt 21 Stationen stehen in der Agenda von Linda Indergand. 21 Stationen, häufig über mehrere Tage mit zwei Rennen. «Insgesamt komme ich auf 30 bis 35 Rennen in der Saison, das ist ein normales Pensum», verdeutlicht die Urnerin. Im Vergleich zu anderen Fahrerinnen liegt Indergand im Durchschnitt. «Es gibt einige Kolleginnen, die fahren mehr als ich, aber einige Fahrerinnen machen auch weniger Rennen. » Wichtig wird es Anfang Juli in Savognin. Titelverteidigung ist angesagt. Im letzten Jahr hat sie den Schweizermeistertitel im Cross Country gewonnen. Jetzt fährt Indergand im Trikot der Schweizermeisterin. «Wenn alle am Start sind, muss alles zusammenpassen, damit ich den Titel verteidigen kann», schätzt Bike-Profi Indergand. Die Konkurrenz in der Schweiz sei riesig.
Die Highlights der Saison
Ende Juli trifft sich der Mountainbike-Tross zur EM in Portugal. Mitte September folgt die Heim-WM in Crans Montana. Für Linda Indergand ist es bereits die dritte WM in der Heimat. «Als Juniorin habe ich das schon erlebt, und bei der Mountainbike-WM in Lenzerheide vor zwei Jahren war ich auch am Start», erinnert sich Indergand. Routine sei es trotzdem nicht. SM, EM und WM. Was hat Priorität? Im letzten Jahr habe ihr der Schweizermeistertitel sehr viel bedeutet,
weil es der erste Titel nach vielen Vize-Meisterschaften war. «Aber grundsätzlich ist die Weltmeisterschaft am wichtigsten, gefolgt vom Gesamtweltcup. Wenn man den gewinnt, ist man über die ganze Saison gut gewesen», ordnet Indergand ein. Wenn das erledigt ist, geht es zum Saisonabschluss wieder nach Kanada und die USA. Aber so weit ist es noch nicht.
Linda Indergand absolviert ihre 13. Mountainbike-Saison. Über 30 Rennen stehen in ihrem Wettkampfprogramm. Am nächsten Wochenende startet sie in Brasilien.
«Im Winter gehe ich viel Langlaufen und mache Skitouren.» «Dafür habe ich ein Hitzetraining simuliert.»