Das sind die Gründe für den Rekordtiefstand in den Seen
Fabio Wyss
Den Wasservögeln gefällt der tiefe Wasserpegel. Jedes Blesshuhn hockt auf einem eigenen Stein. Diese ragen zu Dutzenden aus dem Wasser. In der Luft liegt Kot- und Fischgestank. Das scheint die «Taucherli», wie sie im Volksmund genannt werden, nicht zu kümmern. Solch einen Stein- und Kiesstrand wie vor dem Rapperswiler Kapuzinerzipfel gibt es zurzeit zuhauf um den Zürichsee. Normalerweise liegen die Steine unter Wasser begraben. Doch heuer ist nicht viel normal. Aktuell bewegt sich der Pegel des Zürichsees auf dem saisonalen Tiefststand. Zeitweise wurde die orangene Linie, die den tiefsten je gemessenen Wert anzeigt, gar unterschritten (siehe Grafik). Bei der Messstation Schmerikon ist das auf den ersten Blick nicht übermässig spektakulär. Dem Bundesamt für Umwelt stehen dortige Daten erst seit 2008 zur Verfügung.
Doch das gleiche Bild präsentiert sich auch bei der Messstation in Zürich, die mehrere Jahrzehnte abbildet. Sowohl für Schmerikon als auch Zürich lässt sich sagen: Der Durchschnittswert zu diesem Zeitpunkt im Jahr liegt zwischen 10 bis 15 Zentimeter höher. Das fällt auch den kantonalen Fachstellen auf. «In der Regel füllt sich der See im Laufe des März kontinuierlich», erklärt Isabelle Rüegg von der Medienstelle des Kantons Zürich. Das blieb in den letzten Wochen aus. Zwischen Ende Februar und Anfang März seien hingegen «derart geringe Pegelstände nichts Besonderes », schreibt sie auf Anfrage.
Von «oben» kommt wenig
Die Ursachen für den ausbleibenden Anstieg finden sich im mehrfachen Sinne weiter oben. Stichwort: Wetter. Die Niederschläge im Einzugsgebiet des Zürichsees im Februar und März lagen deutlich unter dem langjährigen Mittel. Ebenfalls unterdurchschnittlich im Vergleich zu den Vorjahren ist die Schneedecke in den Bergen. In Kombination führt die Trockenheit und die geringe Schneeschmelze zu wenig Wasser im Zürichsee. Entsprechend präsentiert sich das Bild bei den Gewässern oberhalb des Zürichsees: dem Hauptzufluss Linth sowie dem Walensee. «Der Walensee ist aufgrund der trockenen Wintermonate im Flachland und der im Moment noch nicht abflusswirksamen Schneeschmelze in den Hochlagen auf einem saisonalen Tiefststand», schreibt das St. Galler Amt für Wasser und Energie auf Anfrage. Der 30-jährige Mittelwert liegt rund 30 Zentimeter höher.
Und das wirkt sich natürlich auf die Linth aus. Da die Abflussmenge aus dem Walensee nicht reguliert wird, entsteht gemäss Angaben des Kantons kaum «hydraulischer Druck». Sprich weniger Wasser fliesst die Linth hinunter als üblich. Momentan sind es bei Weesen rund 25 Kubikmeter pro Sekunde. Normal in dieser Jahreszeit wären 40. So erreicht auch die Linth bei der Messstation Weesen just einen saisonalen Tiefststand. Leicht darüber ist die Linth als Zufluss in den Walensee. In den letzten Tagen flossen beim Gäsi um die 15 Kubikmeter pro Sekunde in den Walensee hinein. Zum Vergleich: Der Mittelwert bei der Messstation Mollis ist 21 Kubikmeter pro Sekunde, der Tiefstwert 12.
Fraglich ist nun, wie es weitergeht. Und ob die Linth bald etwas mehr Schneeschmelzwasser flussabwärts befördert. Dafür sprechen die in die-ser Woche laut Prognosen steigenden Temperaturen bei viel Sonnenschein. Dagegen spricht der fehlende Schnee: Von einem Schneedefizit im gesamten Alpenraum schreibt die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) auf seiner Webseite. Mitverantwortlich dafür ist der besonders schneearme Februar. Es fielen laut Meteo Schweiz in den Schweizer Alpen nur 30 bis 55 Prozent der durchschnittlichen Schneemengen für einen Februar.
Das bleibt nicht ohne Folgen. Das WSL weist für das Linthgebiet aktuell die zweithöchste Trockenheitsstufe aus. Und daran dürfte sich kaum etwas ändern: Bis Mitte April rechnet Meteo Schweiz mit eher milden und trockenen Bedingungen. Für den weiteren Verlauf sei kein deutlicher Trend erkennbar. Gleichzeitig war der April in der Vergangenheit der Monat, in welchem die Pegelstände von Zürich- und Walensee deutlich anstiegen. Der Zürichsee tat dies im Schnitt um gut zehn Zentimeter, der Walensee um einen halben Meter.
Und nun? Aus Zürich gibt es für den Moment Entwarnung: «Wir bewegen uns immer noch im Zielband, welches das Wehrreglement für den Zürichseepegel definiert», heisst es von der Zürcher Medienstelle. Der Wasserstand wird über das Kraftwerk Letten reguliert. Noch müsse dort nicht aussergewöhnlich Wasser zurückgestaut werden. Ob das nötig wird oder nicht, wird der wettertechnisch bekanntlich sehr eigenwillige April weisen.
Mindestens zehn Zentimeter fehlen dem Zürichsee, gar derer 30 dem Walensee. Beide liegen auf Rekordtiefe für diese Jahreszeit. Warum Experten gar eine anhaltende Trockenheit befürchten.