Viel Lärm vor den Rennen und ein klarer Favorit

Max Verstappen und das Team Red Bull sind wohl auch in der neuen Formel-1-Saison das Mass aller Dinge. Wie sehr die internen Querelen die sportliche Seite tangieren, bleibt abzuwarten.

Die Formel 1 blieb sich selber treu. Die Fokussierung auf die sportlichen und technischen Belange liess sich ein weiteres Mal nicht verwirklichen. Die Phase mit ruhenden Motoren war wiederum alles andere als stille Zeit. Zu zahlreich und zu brisant waren auch im Vorfeld der 75. WM-Saison die Nebenschauplätze.

Die Brisanz hatte in den vergangenen Wochen Höchstwerte erreicht. Grosse Namen sorgten für die grössten Schlagzeilen – Lewis Hamilton mit der Offizialisierung seines Wechsels von Mercedes zu Ferrari aufs nächste Jahr hin, die Equipe Red Bull mit ihrem internen Zwist um Macht und Einfluss und der Affäre um Teamchef Christian Horner, der wegen eines ihm zur Last gelegten «unangemessenen Benehmens einer Mitarbeiterin gegenüber» am Pranger gestanden hat, nach der abgewiesenen Beschwerde und dem damit verbundenen Freispruch sein Amt aber weiter ausüben darf.

Zu reden gab ein weiterer grosser Name, einer aus der Vergangenheit, der in der Formel 1 zumindest in absehbarer Zeit keine Zukunft hat. Der Amerikaner Michael Andretti, Sohn des einstigen Formel-1-Weltmeisters Mario Andretti, scheiterte mit seinem Gesuch um Aufnahme seines gleichnamigen Rennstalls am Veto aus der Chef-Etage der Formel 1 wegen «fehlender Konkurrenzfähigkeit». Der wahre Grund der Ablehnung lag aber auf kommerzieller Seite. Für die Besitzer der Rennserie hätte ein elftes Team eine Erhöhung des auszuschüttenden Preisgeldes mit sich gebracht, die aktuellen zehn Equipen hätten sich die finanzielle Entschädigung mit einem elften Teilnehmer teilen müssen.

Am Puls der Zeit

Den Puristen sind die Begleiterscheinungen seit jeher ein Dorn im Auge, für die Verfechter sind sie logischer Bestandteil einer zeitgemässen Rennserie, die in den siebeneinhalb Jahren seit dem Besitzerwechsel vom luxemburgischen Finanz-Konzern CVC Capital Partners zum amerikanischen Unternehmen Liberty Media viele Altlasten losgeworden ist, die sich entstaubt und sich von einem am Abgrund taumelnden Produkt zu einer wieder global anerkannten Marke gewandelt hat.

Die Verantwortlichen im Machtzentrum agieren am Puls der Zeit. Sie sind auf der Suche nach der perfekten Mischung aus Sport und Show fündig geworden. Prägendstes Beispiel des neuen Weges ist die für das Streaming-Portal Netflix produzierte Serie «Drive to Survive», die ein völlig neues Publikum für den Sport begeistert hat.

Das Interesse an der Formel 1 hat sich nicht nur im Internet oder vor den Bildschirmen prächtig entwickelt. Die Bestätigung für die Richtigkeit ihres Tuns erhalten die Macher auch an den Rennstrecken. Die Veränderungen bei den Besucherzahlen vor Ort haben in jüngster Vergangenheit nur in eine Richtung gezeigt.

Vor fünf Jahren, der letzten vollständigen Saison vor den durch die Corona-Pandemie bedingten Einschränkungen, sind insgesamt 4,1 Millionen Zuschauer gezählt worden. Drei Jahre später, in der ersten Saison nach dem Ende der Restriktionen, ist die Gesamtzahl bei den 22 Grands Prix auf 5,7 Millionen gestiegen, in der vergangenen Saison auf über 6 Millionen. Die durchschnittliche Zuschauerzahl ist innert vier Jahren von 195’000 auf über 270’000 angewachsen. Tendenz weiter steigend.

Die Zahlen sind umso erstaunlicher, zumal das Geschehen auf den Rennstrecken in den vergangenen zwei Saisons an der Spitze selten bis nie Spannung erzeugt hat, der Ausgang der Rennen aufgrund der krassen Dominanz des von Weltmeister Verstappen angeführten Teams Red Bull vorhersehbar gewesen ist.

Leichte Revolution statt Evolution

Die Rolle des Primus wollen sie bei Red Bull überraschenderweise nicht mit einem im Vergleich zu seinem Vorgänger leicht modifizierten Auto verteidigen – und sind diesbezüglich aufgrund der an den drei Testtagen von letzter Woche gewonnenen Erkenntnisse auf Kurs. Adrian Newey und seine Crew haben beim Bau des RB20 ein weiteres Mal neue Wege eingeschlagen und haben Risiken in Kauf genommen.

Motorsportchef Helmut Marko nennt den neuen Wagen «mehr als eine Evolution. Es ist eine kleine Revolution». Auffallendstes Merkmal sind die Seitenkästen mit den extrem schmalen, vertikalen Lufteinlässen. Die Errungenschaft ähnelt der Variante, für die sich die Techniker von Mercedes für das vorletzte Jahr und die erste Tranche der letzten Saison entschieden hatten – und danach von ihrem Entschluss wieder abgerückt waren.

Aus sportlicher Warte scheint in der Equipe Red Bull für eine neuerlich erfolgreiche Saison vieles aufgegleist. Interessant wird aber auch zu beobachten sein, wie sich der Verbleib Horners auf dem Posten des Teamchefs auf das Arbeitsklima auswirken wird. Die Wogen hätten auch ohne das Theater rund um den «Fall Horner» geglättet werden müssen. Die Streitereien zwischen Marko und Horner haben die Zusammenarbeit zuletzt deutlich erschwert. Es stellt sich die Frage, ob das Gezänke überhaupt noch ein zielgerichtetes Miteinander möglich macht.

Das Streben nach Normalität

Um Normalität sind sie bei Mercedes bemüht. Ob sich das Angedachte im letzten Jahr der Partnerschaft mit Hamilton umsetzen lässt, bleibt abzuwarten. Der gegenseitige Respekt ist den Parteien wohl gewiss, auch in der Saison vor dem Abgang des siebenfachen Weltmeisters sollen Anstand und Vertrauen keine Lippenbekenntnisse sein. Auswirkungen auf den Alltag dürfte die bevorstehende Trennung trotzdem haben.

Im Verlauf der Saison wird wohl der Zeitpunkt kommen, an dem Hamilton nicht mehr uneingeschränkt in alle Prozesse und Entscheide einbezogen sein wird. Bei den Silbernen werden sie tunlichst darauf bedacht sein zu vermeiden, dass Hamilton Interna mit zu den Roten nimmt, dass die für seinen zukünftigen Arbeitgeber nützlichen Informationen so spärlich als möglich von Brackley und Brixworth nach Maranello wandern. Auch kann davon ausgegangen werden, dass die Gleichstellung der Fahrer bröckeln wird, dass George Russell im Verlauf des Jahres bevorzugte Behandlung erfahren wird.

Hamilton und Russell sehen sich mit dem neuen Auto, dem W15, besser aufgestellt als in der vergangenen Saison. Gleiches ist aus dem Lager von Ferrari zu vernehmen. Das von Grund auf überarbeitete Konzept, auf dem der SF-24 beruht, soll es den Fahrern Charles Leclerc und Carlos Sainz erlauben, die im letzten Jahr entstandene grosse Lücke zu Verstappen zumindest zu verkleinern. Nach mehr als verhaltenem Optimismus tönt es vonseiten McLaren. Lando Norris und Oscar Piastri sollen den Aufwärtstrend mit Siegen fortsetzen.

Das Werweissen wird bald ein Ende haben. Der Saisonauftakt mit dem Grand Prix von Bahrain am Samstag wird die ersten Wahrheiten ans Licht bringen. Die sportlichen Belange werden endlich wieder uneingeschränkt im Fokus stehen.