Michelle Gisin: Die Allrounderin mit Speed im Blut

Als neues Mitglied des Speed-Teams will sich Michelle Gisin in den schnellen Disziplinen in der Weltspitze etablieren. Erste Möglichkeiten dazu bieten sich ihr an diesem Wochenende in St. Moritz.

Gut gelaunt nimmt Michelle Gisin am Mittwochabend Platz in der Medienrunde im Teamhotel der Schweizerinnen in St. Moritz. Vor ihr liegt der Auftakt in die Speed-Saison, hinter sich hat sie das erste Abfahrts-Training und ihren 30. Geburtstag. Lange gefeiert hat sie am Dienstag nicht. Dafür war ihre Trainingsfahrt am Mittwoch zu gut, dafür sind die Augen zu gross, mit denen sie in die Runde blickt: «Ich war nur kurz zuhause. Aber es war sehr schön.»

Viel Zeit zum Feiern blieb nicht. Am Wochenende noch in Übersee bei den Riesenslaloms in Mont-Tremblant am Start, sind in St. Moritz gleich drei Speed-Rennen geplant – am Freitag und Sonntag je ein Super-G, dazwischen eine Abfahrt. Nachdem Lake Louise aus dem Kalender gestrichen worden und die Rennen in Zermatt/Cervinia dem Wetter zum Opfer gefallen waren, soll es nun endlich klappen mit dem langersehnten Auftakt in die Speed-Saison. Für die Obwaldnerin soll es nach einer schwierigen letzten Saison wieder aufwärts gehen.

Das Pfeiffersche Drüsenfieber und ein Materialwechsel

Michelle Gisin hat zwei bewegte Jahre hinter sich. Im Sommer 2021 erkrankte sie am Pfeifferschen Drüsenfieber. Sie, die stets gut gelaunt ist und Energie an den Tag legt wie keine andere Frau im Weltcup, fühlte sich schlapp, wusste nicht, ob sie die darauffolgende Saison in Angriff nehmen soll. Schliesslich kämpfte sie sich zurück und erholte sich rechtzeitig. Sie stieg mit grossem Rückstand in die Olympia-Saison. Umso höher sind ihre Erfolge in besagtem Winter zu werten.

In Peking krönte sie sich zum zweiten Mal zur Olympiasiegerin in der Kombination. Hinzu kam eine Olympiamedaille im Super-G – als wäre ihr Palmarès mit zwei WM-Medaillen, einem Weltcupsieg sowie 19 Podestplätzen nicht eindrücklich genug gewesen. All ihre Erfolge fuhr sie auf Ski der Marke Rossignol heraus.

Umso überraschender kam nach der Olympia-Saison der Wechsel zu Salomon. Kannte die Karriere von Michelle Gisin bis zu diesem Zeitpunkt nur die gewünschte Richtung, sollte der Wechsel einen Knick bedeuten. Von ihrem neuen Ausrüster versprach sich die Schweizerin, die in allen vier Disziplinen unterwegs ist, mehr Unterstützung im Speed-Bereich und ein höheres Standing.

Doch das Risiko zahlte sich nicht aus. Der Engelbergerin lief es fortan überhaupt nicht. Bis heute stand sie nie mehr auf einem Weltcup-Podest. Trotz der ausbleibenden Erfolge hat Gisin den Wechsel nicht bereut. Sie schwärmt weiterhin von der Unterstützung, die sie von ihrem Ausrüster erfahre, sie ist ungebrochen positiv gestimmt.

Die guten Erinnerungen an St. Moritz

Doch auch der Auftakt in die laufende Saison verlief für Gisin durchzogen. Die einzige Top-10-Klassierung in den ersten acht Rennen fuhr sie mit Rang 6 im Slalom in Killington heraus. Positiv stimmen dürfte Gisin, dass noch keine Rennen in den schnellen Disziplinen zur Austragung gekommen sind.

Denn auf diese Saison nahm die Allrounderin einen weiteren Wechsel vor. Sie schloss sich dem Speed-Team von Swiss-Ski an. Schon im vergangenen, schwierigen Winter erzielte sie in den schnellen Disziplinen ihre besten Resultate. Im Super-G in St. Moritz verpasste sie das Podest als Vierte nur knapp.

Gisin und St. Moritz, das scheint ohnehin zu passen. An der Heim-WM 2017 holte sie in der Kombination hinter Landsfrau Wendy Holdener Silber, im gleichen Jahr stand sie als Zweite im Super-G auch auf dem Weltcup-Podest. «Ich bin wahnsinnig gerne hier. Ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal ein wirklich schlechtes Wochenende in St. Moritz eingezogen habe.»

Für den Auftakt in die Speed-Saison scheint Michelle Gisin gerüstet. Zumindest lassen die beiden Abfahrts-Trainings auf der Piste Corviglia darauf schliessen. Als Vierte und Sechste war sie jeweils die schnellste Schweizerin. «Ich fühle mich wohl, habe den Wechsel auf die langen Ski schnell geschafft», sagt sie und relativiert gleichzeitig: «Mit Trainingsleistungen kannst du dir nichts kaufen. Mal schauen, ob ich es am Freitag im Super-G hinbringe.»