Als Ralph Krueger die Spieler mit einem SMS aufrüttelte

In der Nacht vor dem 3. Mai 2000 schreibt Eishockey-Nationalcoach Ralph Krueger das wichtigste SMS der Schweizer Sportgeschichte: «Glaube an das Unmögliche, und das Unmögliche wird möglich!»

Tatort: St. Petersburg, Russland, Eishockey-Weltmeisterschaft. Die Zeitungen aus der Heimat an diesem Welt-Asthma-Tag wollen die Schweizer Nationalspieler (unter ihnen Mark Streit, Mathias Seger, Reto von Arx, Patrick Fischer) nicht lesen. Sie haben die ersten beiden WM-Spiele nicht gewonnen, zuletzt gegen Frankreich 2:4 verloren und stehen vor der schmachvollen Verbannung in die Abstiegsrunde. Die Basler Zeitung beschrieb bereits den «Aufstieg und Fall einer Nationalmannschaft». Und die NZZ erachtete es eher für möglich, «dass in Russland die Zarenfamilie nochmals die Macht übernimmt, als dass Kruegers Leute Russland bezwingen».

Nur noch mit einem Sieg über Gastgeber Russland ist es im letzten Gruppenspiel möglich, der Abstiegsrunde zu entgehen. Dies scheint absolut unmöglich. Die Russen haben die beste Mannschaft seit dem Untergang der Sowjetunion aufgeboten und erachten es als heilige vaterländische Pflicht, in St. Petersburg den WM-Titel zu holen.

«Ich konnte kaum schlafen», erinnert sich Goalie Reto Pavoni an die Nacht auf den 3. Mai. «Gegen 4 Uhr morgens erwachte ich und hatte im Traum die Partie schon mindestens zehnmal gespielt – und immer verloren…» Das erste, was ihm am Morgen in die Augen stach, war Ralph Kruegers SMS.

Kein Spieler führte hinterher den sensationellen 3:2-Sieg der Schweizer primär auf Kruegers Kurzmitteilung zurück. Aber den Zweck erfüllte sie allemal. «Glaube an das Unmögliche, und das Unmögliche wird möglich!» Ein Teil seiner Spieler schmunzelte damals über die Beharrlichkeit und den Ideenreichtum, mit denen Krueger seinen Optimismus verbreitete. Und doch respektierten und verehrten sie ihn.

Reto Pavoni jedenfalls stand in St. Petersburg gegen Russland seinen Mann. In den ersten WM-Partien hatte er zusehen müssen. Er spielte am denkwürdigen 3. Mai erst sein viertes Spiel seit Anfang März – es wurde das Grösste seiner Karriere. Er wehrte im Hexenkessel vor 12’300 fanatischen Fans doppelt so viele Schüsse ab wie sein Gegenüber, NHL-Stargoalie Ilja Bryzgalow. Nach zehn Niederlagen im Traum folgte auf dem Eis der heroische Sieg. Das Siegtor zum 3:2 erzielte Thomas Ziegler vom HC Ambri-Piotta, den Krueger nach den Playoffs erstmals und völlig unerwartet in die Nationalmannschaft eingeladen hatte. Aus sieben Chancen erzielten die Schweizer drei Tore.

Dieses Spiel in St. Petersburg, das damals als das beste einer Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft aller Zeiten erachtet wurde, veränderte im Schweizer Hockey alles. Es entstand der «Mythos Ralph Krueger», dank dem der Deutsch-Kanadier zum charismatischsten Schweizer Nationaltrainer aller Zeiten werden konnte. Bis 2010 blieb Krueger im Amt; auch Krisen vermochten ihm nichts mehr anzuhaben. Er schrieb ein Buch («Teamlife – über Niederlagen zum Erfolg»). Es wurde ein Bestseller.

Nach dem Sieg über die Russen schnupperte die Schweizer im Mai 2000 erstmals wieder an einer WM-Medaille. 1992 in Prag (unter John Slettvoll und Bill Gilligan) und 1998 in Zürich und Basel (auch schon unter Krueger) hatten die Schweizer an Weltmeisterschaften zwar auch schon Platz 4 belegt – der Abstand zu den Medaillengewinnern war damals aber riesig. Glückliche Konstellationen ermöglichten jeweils den Vorstoss unter die letzten vier. In St. Petersburg trotzten die Schweizer auch den USA (3:3) und Schweden (1:1) Punkte ab und führten sie im Viertelfinal gegen Kanada Mitte des Schlussabschnitts noch mit 3:2. Ein Fehlpass leitete im Finish die Wende zum unglücklichen 3:5 ein.

Am 3. Mai 2000 in St. Petersburg legte das Eishockey-Nationalteam den Grundstein für die späteren Medaillengewinne von Stockholm (2013) und Kopenhagen (2018). In seinem Buch schrieb Krueger zum historischen Russland-Spiel: «Gegen alle Wahrscheinlichkeiten haben wir schliesslich 3:2 gewonnen. Passieren konnte das nur, weil alle im Team ihre Egos parkierten, ihre Stärken voll einsetzten, einem gemeinsamen Sinn folgten und sich konsequent für die Mannschaft opferten, um die höchstmögliche Qualität im Resultat zu erzielen. Wir haben Grenzen gesprengt.»