Matrosen-Schwimmen, zehnjähriger Turner und Heiratsantrag

Kein Sportanlass zieht die Menschen mehr in den Bann als Olympische Spiele. Heute vor 124 Jahren, am 6. April 1896, eröffnete Griechenlands König in Athen die erste Austragung der Neuzeit.

Der französische Pädagoge und Historiker Pierre de Coubertin hatte es somit endlich geschafft, die grosse Bedeutung der antiken Spiele in die Neuzeit übertragen. Seit 1880 fesselte ihn die Idee, mit den Spielen die nationalen Egoismen zu überwinden und zum Frieden und zur internationalen Verständigung beizutragen. 14 Nationen massen sich bei der Premiere in 9 Sportarten.

Das Epizentrum lag im Panathinaiko-Stadion – die antike Athener Arena aus dem Jahr 330 vor Christus wurde nach den Ausgrabungen auf den Fundamenten rekonstruiert. Neben den Leichtathleten kämpften auch die Gewichtheber, Ringer und Turner an dieser Stätte um den Sieg. Oder wohl vielmehr um die Ehre. Denn selbst für damalige Verhältnisse wurden kaum Spitzenleistungen erbracht. Das soll die Erfolge des Turners Louis Zutter nicht schmälern. Aber der Westschweizer reiste als Privatmann nach Athen und behauptete sich dort gegen die Konkurrenz aus Deutschland oder Griechenland. Er gewann am Seitpferd. Zweiter wurde er am Barren und beim Pferdsprung.

Vor 124 Jahren war im Sport noch vieles anders. Zutter wurde mit Silber und zweimal Bronze geehrt – erst 1904 erhielt der Sieger eine Goldmedaille, die anderen Medaillenfarben versetzte man um einen Platz nach unten. Die nachfolgenden Fakten, Episoden oder Anekdoten regen primär zum Schmunzeln an. Gleichwohl darf nicht vergessen werden, dass Athen 1896 den Ausgangspunkt für den derzeit weltweit bedeutendsten Sportanlass bildet.

– Spyridon Louis hiess der Sieger im Lauf von Marathon nach Athen. Er profitierte davon, dass der Franzose Albin Lermusiaux, der nach 20 km an der Spitze lag, und der Australier Edwin Flack, der bis kurz vor Schluss führte, aufgeben mussten, weil sie während des Rennens ausschliesslich Alkohol tranken. Einen dreifachen griechischen Triumph verhinderte der Ungar Gyula Kellner. Der wurde zwar nur Vierter, hatte aber gesehen, dass Spyridon Belokas (3.) eine Wegstrecke mit einer Kutsche gefahren war, worauf dieser disqualifiziert wurde.

– Im Tennis war keiner der weltbesten Spieler zugegen. Der Ire John Pius Boland, der zufälligerweise Ferien in Athen verbrachte, wurde von einem griechischen Freund für das Turnier angemeldet und gewann überlegen. Auch im Doppel setzte sich Boland durch. Er engagierte als Partner kurzfristig den Deutschen Friedrich Adolph Traun, der als Leichtathletik angereist war.

– Die USA setzen sich im Medaillenspiegel nach heutiger Zählweise knapp vor den Griechen durch: 1. USA 11 Gold, 7 Silber, 2 Bronze (20 Medaillen). 2. Griechenland 10, 17, 19 (46). – Ferner: 10. Schweiz 1, 1, – (3).

– Jüngster Teilnehmer war ein zehnjähriger griechischer Turner. Der jüngste Olympiasieger stammte ebenfalls aus Griechenland. Ein 16-Jähriger gewann das Schwimmen für Matrosen.

– Die Spiele fanden unter strikten Amateurregeln statt. So galten Athleten aus Australien nur dann als Amateure, wenn sie die Überfahrt selbst bezahlt hatten, da sie sonst während der monatelangen Reise von ihrem Verein oder Verband gelebt hätten, was den Vorschriften widersprach.

– Gewichtheben wurde nicht in Gewichtsklassen unterteilt, aber es gab einen einarmigen und beidarmigen Wettkampf. Das griechische Publikum war sehr angetan von Launceston Elliots Leistung – und auch von seinem attraktiven Äusseren. Eine «Dame in hoher Position» soll dem Briten einen Heiratsantrag gemacht haben.

– Die Wettkämpfe im Fussball, Cricket, Rudern und Segeln wurden mangels Teilnehmer oder wegen schlechten Wetters abgesagt.

– In der Leichtathletik gab es keine Weltrekorde, da zahlreiche zuvor erfolgreiche Athleten gar nicht antraten oder die engen Kurven des Stadions keine Spitzenzeiten zuliessen. Allererster Sieger eines olympischen Ereignisses war Francis Lane. Der US-Boy gewann einen Vorlauf über 100 m in 12,5 Sekunden.

– Der österreichische Fechter Adolf Schmal siegte im 12-Stunden-Rennen der Radfahrer. Bloss zwei der sieben Athleten erreichten das Ziel.

– Die Wettkämpfe im Schwimmen wurden im offenen Meer bei 13 Grad Celsius ausgetragen. Ein Kuriosum bildete das 100-m-Schwimmen der Matrosen. An diesem Wettkampf durften nur Matrosen der im Hafen von Piräus liegenden griechischen Kriegsschiffe teilnehmen. Von elf gemeldeten «Sportlern» traten deren drei an.