Was die Verschiebung von Tokio 2020 für die Doping-Jäger bedeutet

Die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio ins 2021 bringt viele Probleme mit sich. Doch nicht alle gehen dabei als Verlierer hervor. Ein Gewinner könnte die Fairness sein.

Acht Jahre ist es her, da erhielt Alex Wilson eine spezielle Auszeichnung. Der Schweizer Sprinter wurde 2012 in Baselland als Entertainer des Jahres ausgezeichnet. Der gebürtige Jamaikaner sieht sich nicht ungern in dieser Funktion, den Zeitungsartikel zur Auszeichnung postete er daher auf seinem Instagram-Profil. Und auch bei den Medien ist der heute 29-Jährige aufgrund seiner Bonmots beliebt. Der schnellste Mann der Schweiz ist oft witzig und sagt immer, was er denkt. Zuletzt vergangene Woche, als er im Hinblick auf die Olympischen Spiele gegenüber der Basler Zeitung sagte: «Jetzt ist die Stunde der Doper gekommen.»

Wilsons Aussage, dass sich die Doper aufgrund der Coronakrise mit «ihrem Zeugs voll laden» könnten, weil die routinemässigen Dopingkontrollen nicht mehr stattfinden, schlug hohe Wellen. Neben Schweizer Medien griff etwa auch die Süddeutsche Zeitung die Aussage des Leichtathleten auf, das war noch vor der Verschiebung der Sommerspiele. Andere Athleten äusserten sich ähnlich wie Wilson – wenn auch nicht ganz mit seinen markigen Worten – und setzten sich so für die Verlegung von Tokio 2020 ein. Unter dem Druck von Athleten, Verbänden und der Öffentlichkeit gab das IOC schliesslich nach. Doch hat die Verschiebung die Dopingproblematik automatisch gelöst?

Hajo Seppelt widerspricht: «Auch wenn die Olympischen Spiele verschoben werden, ist dieses Zeitfenster über mehrere Monate für potenzielle Betrüger ein Paradies. Es gibt natürlich Langzeiteffekte aufgrund pharmakologischer Methoden, beispielsweise Anabolika im Training.» Der Sportpolitik- und Dopingexperte der ARD sagt, darum sei es wichtig, dass die Anti-Doping-Agenturen so schnell wie möglich wieder voll einsatzfähig sind, «obwohl die aktuelle Situation den Sport vor ganz andere, viel wichtigere Herausforderungen stellt».

Blind ist man auf diesem Auge bei der Schweizer Antidoping Agentur nicht. Natürlich gebe es Mittel, die Langzeiteffekte haben können, sagt Antidoping-Schweiz-Chef Ernst König. «Trotzdem bringt es einem Sportler nicht viel, einfach Tabletten einzuwerfen, während er auf dem Sofa sitzt. Er muss trainieren, und vor allem auch wissen, auf welchen Termin er trainiert», sagt König. Hier werde es auch für die Athleten in Zeiten der Coronakrise schwierig.

Wie praktisch alle Antidoping-Agenturen auf der Welt arbeiten die Schweizer Kontrolleure aktuell in reduziertem Umfang. Die enge Kontrolle, «wie wir sie für Olympia-Athleten vorsehen, kann derzeit nicht gewährleistet werden», sagt König. Daher sei aus Sicht der Kontrolleure die Verschiebung der Olympischen Spiele der richtige Entscheid. «Es nimmt Druck von unseren Schultern.»

An einen Freipass für Doper, wie es Wilsons Aussage nahe legt, glaubt König nicht. Zwar habe man im Bereich der Kontrollen das Programm drastisch reduziert, weil die Gesundheit der Athleten und Kontrolleure oberste Priorität habe, «die meisten Aktivitäten können wir aber weiterhin durchführen». Die Gefahr erwischt zu werden ist für Athleten durch die wegfallenden Routinekontrollen etwas kleiner, doch die Doping-Jäger verfügen über verschiedene Kontrollmöglichkeiten wie etwa den Blutpass, der Auffälligkeiten über längere Zeitperioden ausweisen kann.

Eine plötzliche Doping-Euphorie fürchtet König aufgrund der aktuellen Situation nicht. Will ein Sportler Doping betreiben, muss er sich zuerst die Mittel beschaffen, zudem braucht er für die korrekte Anwendung professionelle medizinische Unterstützung. «Es ist nicht wie etwa beim Schwarzfahren im Öffentlichen Verkehr, wo man sich spontan dazu entschliessen kann», sagt König. Die Coronakrise wird am Status quo im Geschäft mit dem Doping wenig geändert haben. Besonders nach Verschiebung der Olympischen Spiele.