«Der Kirschgarten» nach Anton Tschechow

Die Kirschgarten-Therapie. So könnte man die Produktion am Zürcher Schauspielhaus betiteln: eine Folge von einigen stringenten und zahlreichen wenig konzisen Sketches, die sich vage an Anton Tschechows letztem Theaterstück entlang hangelt.

Es lohnt sich, Anton Tschechows letztes Stück, 1904 äusserst erfolgreich uraufgeführt, wieder einmal zu lesen. Es im Hinblick auf die aktuelle Zürcher Inszenierung von Yana Ross zu tun, ist allerdings nur bedingt angezeigt. Denn was sich in diesem gut zweieinhalbstündigen Abend auf der Pfauenbühne abspielt, orientiert sich nur andeutungsweise an Tschechows Vorlage.

Okay, im Kleingedruckten des Programmhefts steht unmissverständlich «Frei nach Anton Tschechow» – also immerhin keine Mogelpackung. Dennoch verliess in der Pause eine frustrierte Anzahl Besucher das Theater. Etwa jene Dame, die schnaubte, dass die erste Halbzeit keine Erhellung der Handelnden brachte, sie könne sich daher die zweite Hälfte ersparen. Sprach’s und liess sich ihren Mantel von der Garderobière geben. Und bei vielen, die blieben, machte sich Ratlosigkeit oder gar Unmut breit.

Während bei Tschechow über vier Akte hinweg der Abschied vom geliebten Landgut mit seiner grossflächigen Kirschbaumplantage, die dadurch der Axt zum Opfer fallen wird, seismografisch aufgezeigt wird, ist hier der Verkauf bereits vollzogen. Und zwar an den Kaufmann Heinz (im Original Lopáchin, den zu Geld gekommenen Sohn eines Leibeigenen – Thomas Wodianka).

Jetzt geht es noch darum, die einstige Gutsbesitzerin – aus Ljubów Andréjewna Ranjéwskaja wird hier eine schlichte Ljuba – am Stichtag des 22. August vor die vollendete Tatsache zu stellen. In dieser Absicht versammelt sich die ganze Familie: Besagte Ljuba (die hochbelobte, vielfach ausgezeichnete Danuta Stenka, deren Deutsch und Englisch die polnische Herkunft verrät) kommt eben aus Paris zurück, durchgeknallt, vom Leben und von (ungücklichen) Liebschaften gebeutelt, psychisch angeknackst, von Drogen und Tablettenkonsum gezeichnet.

Hier, in Zürich, versammeln sich Tochter Anja (Wiebke Mollenhauer), Adoptivtochter Babs (Lena Schwarz), Ljubas Lover Karl (Milian Zerzawy), ihr Schwager (Michael Neuenschwander) und Peter, ein Student (Steven Sowah).

Familientherapie

In Zürich, sagt das Programmheft. Doch wo? Auf dem Landgut? In einer Nervenheilanstalt? Jedenfalls an einem eigenartigen Unort (Bühne: Justyna Elminowska): im Hintergrund und von Dachsparren abgetrennt ein maisonette-artiger spärlich möblierter Wohnraum, vorne links ein schiebbarer Glaskubus, der an die SBB-Wartehäuschen auf zugigen Bahnsteigen erinnert und dem therapierenden Arzt, Dr. Firs (im Original der nahezu fossilierte Lakai Firs – Gottfried Breitfuss), als Kabinett dient.

Vorne rechts schliesslich eine Terrasse: Holzplanken, zwei Sonnenliegen und ein knöcheltiefes Planschbecken, ca 1,5 x 1,5 m, geeignet für seltsame Wasserspiele von Spritzorgien über Waterboarding bis hin zum dreifachen Ertrinken des Sohns Gregi (Vincent Basse), der als toter Untoter ebenfalls ein paarmal auftritt. Ergänzt wird das merkwürdige Setting durch eine bühnenbreite Projektionsfläche, über die immer mal wieder gefilmte Therapiesitzungen und Erinnerungsfetzen flimmern, womit auch der Anspruch nach «Multimedialität» abgehakt ist.

Der psychologische Ansatz dieses – laut Programmheft – «kollektiven polyphonen, durch Impro und Gespräche entstandenen Sprachkörpers» ist eine systemische Therapiesitzung, durchsetzt von albernen Kindergeburtstagspielen. Theatraler Höhepunkt des ziemlich disparaten, in einzelne Sketches zerfallenden Abends ist jedoch die Familienaufstellung, wo Beziehungen, Dysfunktionen und Traumata ausgeleuchtet werden.

So verschiebt sich der Fokus der ätzenden Gesellschaftssatire hin zum familiären Psychogramm. Einleuchtend, denn die Metapher «Kirschgarten» steht zweifellos schon bei Tschechow für Verlust und Verunsicherung. Nur, warum schon im Vorfeld der Bezug zu Zürich grossmundig verkündet wurde, bleibt schwammig; die Reha-Kliniken rund um den See machen den Schluss jedenfalls nicht zwingend und das Stück nicht aktueller! Da hätte es schon stringentere Verweise gebraucht, die durchaus zu finden gewesen wären.

Ebenso wenig ist einzusehen, warum ganze Passagen in (eher holprigem) Englisch und (gewiss perfektem) Polnisch gesprochen wurden. Wird damit die schon beim Intendanzwechsel lauthals propagierte Mehrsprachigkeit betont, mit Rücksicht auf angeblich ein Drittel English Native Speakers, die übrigens statistisch nur 10 Prozent ausmachen? Ach, Tschechow! Ach, Schauspielhaus!