Die olympische Flamme brennt doch in der Schweiz

Olympische Spiele sind in der Schweiz vorerst kein Thema. Dank den Jugendspielen 2020 in Lausanne brennt die olympische Flamme trotzdem. Swiss-Olympic-Chef Jürg Stahl im Gespräch mit Keystone-SDA.

Swiss-Olympic-Präsident Jürg Stahl trat nicht mehr zu den eidgenössischen Wahlen an und gehört nach mehr als 19 Jahren nicht mehr dem Nationalrat an. Im Interview äussert sich der 51-jährige Winterthurer darüber, wie er seine Enttäuschung nach dem Aus von Sion 2026 verarbeitet hat, was die Olympischen Jugend-Winterspiele in Lausanne (9. bis 22. Januar 2020) dem Schweizer Sport bringen, wie Swiss Olympic nach drei Jahren unter seinem Präsidium dasteht und weshalb sein Verband keine Ethik-Kommission mehr benötigt.

Jürg Stahl, ursprünglich erhoffte man sich bei Swiss Olympic eine Trilogie von grossen Multisport-Anlässen in der Schweiz: zuerst die Olympischen Jugendspiele 2020 in Lausanne, dann die Winter-Universiade 2021 in der Zentralschweiz und zum Schluss die Olympischen Winterspiele 2026 in Sitten. Sind Sie über das Aus von Sion 2026 immer noch enttäuscht?

«Zu sagen, dass ich nicht enttäuscht gewesen wäre, wäre nicht die Wahrheit. Aber mit der Übernahme des olympischen Feuers für die Jugendspiele in Lausanne, bei welcher ich in Athen persönlich anwesend sein durfte, konnte ich den Bereich Winterspiele 2026 für mich abschliessen. Wir werden in Lausanne wie auch in Luzern versuchen, eine gute Visitenkarte abzugeben. Und vielleicht auch die Lust auf mehr zu wecken. Die Trilogie ist nicht komplett weggebrochen. Der dritte Teil ist vielmehr auf unbestimmte Zeit nach hinten verschoben worden.»

Was bringen die Jugendspiele in Lausanne, die rund 40 Millionen Franken kosten und an denen knapp 2000 Teenager aus mehr als 70 Nationen teilnehmen werden, dem Schweizer Sport?

«Wichtige Stichworte sind Motivation und Nachhaltigkeit. Dank Lausanne 2020 und Luzern 2021 wird eine Dynamik erzeugt. Es laufen viele Projekte, die das Übertragen von Werten auf die nächste Generation ermöglichen. So konnte die letztjährige Enttäuschung abgestreift und in eine grosse Portion Emotion und Motivation umgewandelt werden – nicht zuletzt auch dank des Fackellaufs durch alle 26 Kantone der Schweiz. Ich bin überzeugt, dass diese zwei grossen Multisport-Events eine nachhaltig positive Entwicklung einleiten werden.»

Sie sind seit fast drei Jahren Präsident von Swiss Olympic. In welche Richtung hat sich der Verband unter Ihrer Führung bewegt und wo steht er?

«An einem guten Punkt. Wir haben auf eine wahnsinnig vielseitige Art sportlichen Erfolg, sowohl auf nationaler wie internationaler Ebene. Diese Vielseitigkeit wird manchmal auch zu einer grossen Herausforderung. Die überdurchschnittlich hohe Anzahl Podestplätze in Nachwuchskategorien müssen wir versuchen, zur Elite mitzunehmen.»

Und weiter?

«Wir haben eine Interaktion zwischen Breiten-, Spitzen- und Nachwuchssport. Da ist es mir mit meinem Team zusammen gelungen, dass das ein funktionierendes Zusammenspiel ergibt und nicht jeder Bereich für sich alleine dasteht. Dazu stehen wir auf einem finanziell guten Fundament.»

Wie erleichtert waren Sie über den Entscheid der Kantone, dem Schweizer Sport aus Lotteriegeldern weiterhin pro Jahr rund 15 zusätzliche Millionen Franken zufliessen zu lassen?

«Die Kantone sind ganz wichtige Partner von uns. Der Entscheid zur Verlängerung dieser finanziellen Beiträge war extrem wichtig und signifikant. Zudem ist diese Unterstützung auch gekoppelt an Beiträge des Bundes.»

In welchen Bereichen gibt es Handlungsbedarf?

«Ich bin überzeugt, dass wir die Werte, die der Sport der Gesellschaft vermittelt, durchaus noch etwas selbstsicherer und pointierter platzieren könnten. Beschäftigen wird uns weiterhin auch das Sicherstellen des finanziellen Fundaments. Die Beiträge der Kantone, Lotterien und vom Bund sind keine Selbstverständlichkeit. Wir sind aber in diesem Bereich zuversichtlich, dass wir auf dem Niveau, welches wir nun erreicht haben, aufbauen können.»

Während für andere Verbände eine Begleitung durch eine unabhängige Instanz immer wichtiger wird, hat Swiss Olympic Anfang Jahr seine Ethik-Kommission, die Swiss Olympic Academy, aufgelöst. Was waren die Gründe, die dazu führten?

«Wir haben uns im Herbst 2018 im Exekutivrat viel Zeit genommen, ehe wir diesen Entscheid fällten. Vor zwanzig Jahren waren die nationalen olympischen Komitees vom Internationalen Olympischen Komitee, das sich damals in einer schwierigen Situation befand, aufgefordert worden, die Ethik-Fragen mit in die Organisation einzubeziehen. Mittlerweile ist dieses Thema bei Swiss Olympic voll im Tagesgeschäft implementiert und allgegenwärtig. Auch handelt es sich um ein präsidiales Geschäft, welches ich nicht einfach delegieren will an eine Gruppierung, die sich zudem in all den Jahren seit der Gründung nicht erneuert hat.»