Roger Federer über seine Saisonplanung, Weihnachten und Doping

Roger Federer spricht im exklusiven Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA über seine Saisonplanung, Weihnachten und Doping.

Roger Federer, wo haben Sie Weihnachten gefeiert?

«Noch in Dubai. Am 26. Dezember bin ich dann nach Perth geflogen.»

Wann haben Sie das letzte Mal Weihnachten in der Schweiz verbracht?

(überlegt) «Vielleicht vor sechs Jahren?»

Im Moment ist es wieder sehr winterlich in der Schweiz. Jetzt, da Sie Kinder und ein Chalet in den Bergen haben, sind Sie nicht traurig, Weihnachten nie in der Schweiz zu feiern?

«Doch, logisch. Eigentlich versuchen wir jedes Jahr wieder, es einzurichten. Bis ich merke: das Hin- und Herfliegen, der Unterbruch des Trainings, der Wechsel von der Wärme in die Kälte, dass ich in Dubai schon auf halbem Weg nach Australien bin. Dann muss ich sagen, so lange wir als Familie zusammen sind, ist es eigentlich okay. Aber logisch, wenn ich wählen könnte, wäre ich am liebsten irgendwo in den Schweizer Bergen am Feiern.»

Sie haben letztes Jahr betont, wie sehr Sie sich gefreut haben, als ältester Spieler nochmals die Nummer 1 zu werden. Warum freut Sie das? Es bedeutet schliesslich, dass Sie alt sind.

«Ja, aber es gibt so Rekorde, die du nur holen kannst, wenn du alt bist und solche, die du nur als Junger gewinnen kannst wie Borg, Chang oder Nadal. Es sind Sachen, die du einmal erreichen kannst und nie wieder. Ziele und Visionen zu haben, ist ganz wichtig im Sport, und überhaupt im Leben, finde ich. Am Schluss ist es so eine Vision geworden, nochmals die Nummer 1 zu werden. Ich wusste, dafür muss ich zwei Grand Slams gewinnen. So lange das nicht der Fall war, musste ich gar nicht darüber reden. Sobald ich Australien gewonnen hatte, wusste ich: Jetzt habe ich eine Chance. Und die wollte ich nützen – oder zumindest jagen. Klar, diese Rekorde werden alle wieder gebrochen werden. Das ist auch okay. Aber in diesem Moment war ich zum ersten Mal der Älteste, und das war total speziell für mich, meine Mannschaft und meine Fans. Und das bleibt.»

Wie weit voraus planen Sie aktuell? 2019 ist ein volles Jahr geplant, und weiter?

«Ich weiss, was ich hinten hinaus spiele und ich weiss, was ich am Anfang spiele.»

Ein Rücktritt während des Jahres ist nicht geplant?

«Nein, ist es nicht. Ich bin im Moment noch am Überlegen, wie ich den Frühling fertig spiele, mit Indian Wells, Miami, der Sand- und der Rasensaison. Ich habe eine Idee, ich muss aber noch etwas abwarten und mit der Mannschaft reden.»

Der Entscheid für oder gegen Sand ist also noch nicht definitiv gefallen?

«Nein.»

Ist Olympia in Tokio 2020 ein Thema?

(lacht) «Darauf werde ich häufig angesprochen. Das ist noch zu weit weg. Jetzt möchte ich zunächst dieses Jahr gut spielen und dann Ende Jahr für 2020 schauen. Am Schluss ist immer wichtig, dass es mit der Familie stimmt, der Körper muss stimmen, die Erfolge. Deshalb ist das noch zu weit weg.»

Ein Mixed mit Belinda Bencic wäre aber schon reizvoll. So gut eingespielt ist kaum ein Team.

(lacht) «Ja, das ist so. Das müsste man dann schauen. Es ist mir erst kürzlich durch den Kopf gegangen, dass ich mit Martina (Hingis) durch meine Verletzung Rio de Janeiro 2016 verpasst habe. Das bedaure ich noch immer ein bisschen. Mit Martina wäre das mega cool gewesen. Aber eben, Tokio ist noch viel zu weit weg, es bringt gar nichts, darüber zu reden. Es ist jetzt auch gar keine spezielle Inspiration oder Motivation für mich. Ich weiss nicht mal, was es braucht, um sich zu qualifizieren.»

Der Sport ist in letzter Zeit mit Korruptionsverdacht, Doping oder Vergewaltigungsvorwürfen oft negativ in den Schlagzeilen. Macht es eigentlich noch Spass, Spitzensportler zu sein?

«Wenn es nicht dir passiert, ist es ja okay. Ich will jetzt nicht sagen, dann kann es dir egal sein. Du musst einfach schauen, dass du von deiner Seite mit Leidenschaft spielst, alles gibst und gegenüber deinem Sport auch dankbar bist und ihn respektierst. Die, denen das alles egal ist, die soll es dann eben auch erwischen.»

Aber macht es Sie nicht wütend, wenn solche Leute den Sport in Verruf bringen?

(energisch) «Logisch regt mich das auf! Aber dann gibt es eben auch die Athleten, die das Gute machen. Leider gehört das Negative dazu. Aber vielleicht geht es dem Sport auch schon besser als früher. Ich weiss es nicht. (überlegt) Sagen wir es mal so: Ich bin nicht mehr so naiv wie früher. Ich weiss, dass es wahrscheinlich noch Sachen gibt in gewissen Sportarten. Im Tennis sage ich, wahrscheinlich eher nicht, weil ich ja an mir selber sehe, dass es ohne Hilfsmittel geht. Wichtig ist, dass du Respekt hast gegenüber den anderen. Wenn du den nicht hast, kannst du abfahren.»

Glauben Sie dann, dass der Sport die viel zitierte Vorbildfunktion noch erfüllt?

«Ich glaube schon. Am Ende gibt einem der Sport eine unglaubliche Plattform, auf der du Fairness vorleben kannst, auch Leidenschaft. Du bekommst das Mikrofon und kannst die Leute inspirieren. Du kannst Gutes tun mit deiner Stiftung. Du kannst Menschen happy machen, indem du deine Leistung abrufst und sie Freude daran haben. Deshalb ist die Antwort absolut Ja.»

Sie sind nicht Schweizer Sportler des Jahres geworden in diesem Jahr. Haben Sie sich darüber geärgert?

«Nein. Ich habe mich sehr gefreut für Nino (Schurter). Er hat Unglaubliches abgerufen in der Lenzerheide (bei der WM). Die Leute waren aus dem Häuschen, und ich habe sogar gehofft, dass er Sportler des Jahres wird.»

Wenn man die Leistungen beim Hopman Cup sieht, ist Ihre Saisonvorbereitung wohl optimal verlaufen.

«Das Gute ist, dass ich in 20 Jahren nie ein grösseres Problem hatte in der Vorbereitung. Wenn du in der Vorbereitung schon Probleme hast, kannst du das vielleicht ein paar Monate überdecken. Irgendwann im Jahr holt es dich aber ein. Ich glaube, ich kann in den Ferien sehr viel auskurieren und wenn ich zurückkomme, bin ich bereit. Wir haben nie viele Fehler gemacht, und ich konnte immer hart trainieren. Wichtig ist natürlich, was in Melbourne und danach kommt, aber ich bin sehr zufrieden. Der erste Schub, den du im Dezember geben kannst, kann dir den Rückenwind für die Saison geben. Ich weiss, wann ich hart arbeiten und wann ich relaxen muss. Das ist das Geheimnis. Wir waren alle zusammen in Dubai, Ivan (Ljubicic; Coach), Seve (Lüthi; Coach), Pierre (Paganini; Fitnesstrainer), Dani (Troxler; Physiotherapeut), und es ist alles gut gelaufen.»

Das Vertrauen in dieses Team, mit dem Sie mehrheitlich schon lange zusammenarbeiten, ist extrem wichtig für Sie.

«Ja, definitiv. Die Automatismen laufen, jeder weiss, was es braucht. Man kann auch völlig ehrlich miteinander sein. Man muss mich nicht in Watte packen, ich bin sehr offen für Kritik. Nur weil ich mal die Nummer 1 war oder mal Wimbledon gewonnen habe, heisst es nicht, dass man mir nicht die Wahrheit sagen kann. Wichtig ist auch, dass man immer wieder anspricht, dass ich nicht mehr 21, 27 oder 30 Jahre alt bin. Ich bin anders heute. Man muss jedes Mal wieder schauen, auf was du Lust hast. Ich habe Ivan, Seve und Pierre gefragt, was sie denken, was ich spielen sollte und sie sagten: Spiel, worauf du Lust hast. Es ist schön, von der Mannschaft zu spüren, dass es das ist, was für sie zählt.»

Wie sieht Ihr Training in der Vorbereitung in der Regel aus?

«Ich mache alles. Natürlich Tennis, Rennen, aber auch im Fitnessraum und (lacht laut), man sieht es zwar nicht, auch mit Gewichten. Die Balance ist sehr wichtig, denn Tennisspieler müssen ja in vielen verschiedenen Bereichen gut sein. Am liebsten mache ich aber sicher Übungen auf dem Tennisplatz, das ist ja klar.»