Illustre Namen im Gästebuch des Zürcher «Café Odeon»

Im Gästebuch des legendären Zürcher «Café Odeon» haben sich in den Jahren 1917 bis 1932 zahlreiche Künstler und andere Persönlichkeiten verewigt. Als Zeitzeuge jener bewegten Jahre wird das Gästebuch nun versteigert.

Ein unscheinbares, in braunes Leder gebundenes Büchlein ist es, grade mal 17,5 auf 13,5 Zentimeter gross, einen Zentimeter schmal. Beim Durchblättern entsteigt den vergilbten Seiten der Geruch von altem Rauch.

Er zeugt von den Zigarren, Pfeifen und Zigaretten, an denen die Besucher des «Odeon» gezogen haben, vertieft in Gedanken, engagiert in Gesprächen, konzentriert bei einem Schachspiel oder einem Jass.

General Wille beim Jassen

Ein prominenter Jasser ist Ulrich Wille (1848-1925), im 1. Weltkrieg General der Schweizer Armee. Jeden Freitag trifft er sich im Jugendstil-Kaffeehaus am Bellevue mit drei Kollegen zum Spiel.

Am 20. Juli 1920 kommt Odeon-Pächterin Helen May-Otto an ihren Tisch und bittet das Quartett um einen Eintrag in ihr Gästebuch. Eilig schreibt Wille seinen Rang, den Namen und das Datum hinein und schiebt das Büchlein seinen Freunden zu.

Andere wenden mehr Zeit und Mühe auf für ihren Eintrag. Otto Pilny beispielsweise. Der Orientmaler (1866-1936) ist damals sehr «en vogue», wie Hans-Peter Keller, Direktor Schweizer Kunst bei Christie’s, der Nachrichtenagentur sda erklärt. Ins Gästebuch zeichnet Pilny am 1. 4. 1917 eine Szene aus seinem Gemälde «Sklavenmarkt». «Zur Erinnerung!» schreibt er dazu.

Giacomettis Farbstudie

Augusto Giacometti (1877-1947) malt am 10. April 1923 eine Farbstudie. Ob er die Studie gleich im Café malte oder ob er das Büchlein in sein Atelier mitnehmen durfte, ist nicht überliefert. Bekannt ist, dass der Künstler ab 1915 im gleichen Haus wie das «Odeon» sein Atelier hatte.

Karikaturistisch wirkt das Bild, das Militärmaler Emil Huber (1883-1943) am 13. November 1917 – der Krieg ist noch im Gange – «zur Erinnerung an manch fröhlich gehabte Stunde im Café ‚Odeon‘ Zürich» malt: Ein Offizier steht lässig bei einem dicken Soldaten, der unter seinem tief ins Gesicht gezogenen Hut mürrisch dreinschaut.

Auch Musiker gehen im «Odeon» ein und aus. Sie kommen aus dem nahen Opernhaus herüber, etwa Komponist Leo Fall (1873-1925), damals ein Star. Fall widmet der «Odeon»-Wirtin den Anfang seiner Operette «Die Rose von Stambul», die zu dieser Zeit im Opernhaus aufgeführt wird.

Wiener Kaffeehaus-Kultur

Das prächtige Jugendstil-Lokal war 1911 als Zürcher Ausgabe der damals sehr geschätzten Wiener Kaffeehaus-Kultur eröffnet worden. Das Interieur war gestaltet mit Plüsch und Palmen – wovon eine Skizze im Gästebuch zeugt. Das «Odeon» steht noch heute, seit den 1970er-Jahren allerdings deutlich verkleinert.

Helen May-Otto leitete das «Odeon» ab 1917 zusammen mit ihrem Ehemann Werner May. 1932 verliessen die Mays Europa in Richtung Amerika. Ihr Gästebuch nahm die Wirtin mit. Ihre in Kanada lebende Enkelin bot es Christie’s nun zum Verkauf an. Das Unikat hat laut Keller einen Schätzpreis von 20«000 bis 30»000 Franken. Die Versteigerung findet am 17. Oktober statt.