Hirschers Wunsch nach harten Pisten bleibt unerfüllt

Den Wetterbericht der bevorstehenden WM-Tage in St. Moritz kennt Marcel Hirscher bestens. Ihm wird es nicht gefallen, was von den Meteorologen prognostiziert wird. Blauer Himmel, Sonnenschein und vor allem Plusgrade selbst auf 2000 Metern über Meer, also auf der Höhe, auf der sich das Zielgelände auf Salastrains befindet.

Harte Unterlage bevorzugt

Die hohen Temperaturen werden dafür sorgen, dass die Pisten für den Riesenslalom und den Slalom eher auf der weicheren Seite liegen werden – im Besonderen am frühen Nachmittag, wenn die zweiten Durchgänge gefahren werden. Hirscher hätte sich andere Bedingungen gewünscht. Er bevorzugt harte, extrem harte Unterlagen. Nun aber heisst es für ihn, sich den Gegebenheiten anzupassen. Er und sein Umfeld werden bis zum Riesenslalom am Freitag beziehungsweise bis zum Slalom am Sonntag gefordert sein.

Die Suche nach der optimalen Abstimmung wird ihre Zeit benötigen, beim Perfektionisten Hirscher wohl noch etwas mehr als bei manchem seiner Konkurrenten. Sein Servicemann Thomas Graggaber wird Sonderschichten einlegen müssen. Graggaber, als zweifacher Junioren-Weltmeister in der Abfahrt einst selber als grosses Talent des Österreichischen Skiverbandes gehandelt, hat nach dem Ende der letzten Saison die Nachfolge von Edi Unterberger als Hirschers „Kantenschleifer“ angetreten.

Die Präparierung von Rennski ist eine Wissenschaft für sich. Es gibt keine Formel, nach der die Serviceleute das Setup vornehmen können. Neben dem eigenen Fachwissen sind Rückmeldungen der Fahrer ein entscheidender Faktor bei der Eruierung des optimalen Materials. „Ich merke erst beim Fahren, wenn etwas nicht stimmt“, sagt Hirscher. Dafür brauche er dann aber nicht viel Zeit. „Beim zweiten Schwung weiss ich, dass etwas falsch gelaufen ist.“ Er spüre jeden Zehntelmillimeter in der Abstimmung. „Die gleiche Kante in einem Winkel von einem Zehntelgrad mehr oder weniger zum Belag kann entscheidend sein, ob ich mit dem Ski Halt finde oder nicht.“

Häme im Internet

Das optimale Material wird für Hirscher unverzichtbar sein, um die WM in St. Moritz als persönlichen Erfolg werten zu können. Der bald sechsfache Gesamtweltcupsieger hat Nachholbedarf, sein Plansoll umfasst „mindestens eine Goldmedaille“. Die Realität ist mit dem Gewinn der Silbermedaille in der Kombination eine andere. Hirscher versucht erst gar nicht, seinen Verdruss zu unterdrücken. Der Ärger ist verständlich, denn zu Beginn der zweiten WM-Woche ist für ihn einiges zusammengekommen.

Zweimal hat er die erfolgreiche Titelverteidigung verpasst, vorerst in der Kombination mit einem Hundertstel Rückstand auf den Berner Luca Aerni, dann im Team-Wettkampf mit der unerwarteten Niederlage im Duell gegen Dries van den Broecke als Höhepunkt des Unerwarteten. Die Schmach gegen den unbekannten Belgier, im Slalom die Nummer 311 in der aktuellen FIS-Punkte-Liste, hat in den sozialen Netzwerken zahlreiche hämische Kommentare nach sich gezogen. Das kann einem schon aufs Gemüt schlagen.

Trotzdem lässt sich Hirscher durch die aussergewöhnlichen Geschehnisse nicht verunsichern. Schon gar nicht mag er von abhanden gekommenem Selbstvertrauen reden. Er ist überzeugt, dass er bereit sein wird am Freitag und am Sonntag. Die Zuversicht schliesst auch das perfekte Material ein, bei welchen Pistenverhältnissen auch immer.